„Schlecht gemachte Werbung ist eigentlich visuelle Nötigung.“


Anette Lenz setzt Maßstäbe. Dass man sie in Deutschland erst seit Kurzem auf dem Radar hat, liegt daran, dass sie seit den Neunzigerjahren in Paris lebt und wirkt. Anfangs als Teil des berühmten Kollektivs Grapus, später mit dem Beuys-Meisterschüler Alex Jordan und schließlich auf eigene Faust gestaltete sie mit großem Erfolg unzählige Kampagnen – und das, obwohl sie fast ausschließlich für die Kulturbranche arbeitet. Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main widmet sich aktuell dem Lebenswerk der Grande Dame des französischen Grafikdesigns. Die Ausstellung  „Anette Lenz. à propos“ ist bis zum 3. Januar 2021 zu sehen. Beim Presserundgang stellte form Anette Lenz einige Fragen. Drei davon sind in der aktuellen form 289 zu lesen, die restlichen hier:

 

Interview: Manolis Baier


Frau Lenz, bei Grapus hat man die Arbeit mit kommerziellen Kunden kategorisch ausgeschlossen. Würden Sie sagen, dass Sie das so beibehalten haben?

ANETTE LENZ Ich bin nicht gegen Kommerz. Kommerz hält unsere Gesellschaft am Laufen. Allerdings bin ich dagegen, meine Kreativität dazu zu benutzen, ein Verlangen zu kreieren, die sie nicht wirklich brauchen – nur, um ein System in Gang zu halten, an das ich nicht glaube. Aber das heißt nicht, dass ich nicht zum Beispiel für ein gut gemachtes Produkt, das ethisch korrekt hergestellt ist, gerne arbeiten würde.

Sie sind nach Ihrem Studium in München 1989 direkt nach Frankreich gegangen und dort geblieben. Warum?

AL Abenteuerlust. Ich wollte einfach die Welt erkunden. Ich dachte anfangs nicht, dass ich lange in Frankreich bleibe. Eigentlich wollte ich danach nach New York gehen. Aber dann bin ich hängengeblieben, weil ich die Möglichkeit hatte, mit Grapus zu arbeiten. Es war schon die Endphase von Grapus. Danach hat eins der Mitglieder, Alex Jordan, der auch in Berlin Weissensee unterrichtet hat und selbst Beuys-Schüler war, mir angeboten, neues Gründungsmitglied von Nous travaillons ensemble (NTE) zu werden. Das war eine Grafiker*innengruppe, mit der ich drei Jahre lang gearbeitet habe. Die Chance musste ich einfach wahrnehmen. Ich war damals gerade 25 und kam aus der FH München, in der ich Formensprache und typografisches Arbeiten gelernt hatte. Die Jahre mit Grapus und Alex waren wie ein zweites Studium für mich: Wir haben viel diskutiert über Konzepte, über Inhalte, über den Platz unserer Arbeit in der Gesellschaft. Das war sehr intensiv und prägend. Zum Schluss waren wir uns formal nicht mehr einig, weil ich andere Formen gesucht habe.


Andere Formen?

AL Jede Form ist auch Inhalt. Bei Grapus ging es darum, der kommerziellen Formensprache eine andere, sozio-kulturelle entgegenzusetzen. Grafikdesign hatte sich in Frankreich vor allem aus der Malerei heraus entwickelt. Schweizer, niederländische und deutsche Grafiker, die nach Frankreich kamen, brachten Ihre jeweilige Formensprachen mit. Ich versuchte aus beiden Einflüssen meine eigene Sprache zu entwickeln.

Inwiefern beeinflusst Sie Paris gestalterisch?

AL Das ganze Leben beeinflusst mich, alles beeinflusst mich. Wir sind ja visuell wahrnehmende Wesen. Was ich in der Straße sehe, die Leute, die Formen, das Kino, die Ausstellungen, die ich sehe: Alles hat einen Einfluss auf das Schaffen. Nicht direkt, manchmal indirekt, manchmal Jahre später durch Assoziationen.

Das heißt, Sie würden an der Stelle keinen Unterschied machen zwischen dem, was Sie grundsätzlich wahrnehmen, und einem spezifischen Ort, an dem Sie sich befinden?

AL Ich denke schon, dass mein Wahrnehmen über Paris hinausgeht. Ich bin auch gerne in der Natur. Das ist jetzt so ein dahingesagtes Klischee, aber es stimmt wirklich: Die Natur inspiriert mich. Genauso, wie die Stadt mich inspiriert. Ich bin 1989 nach Paris gegangen. Das war gleichzeitig mit dem Mauerfall, da hätte ich auch nach Berlin gehen können. Aber ich bin nach Paris, weil mich das Internationale angezogen hat. Es war einfach dieser Multikulti-Schmelztiegel, den es in der Art damals in Deutschland nicht gab. Ich habe davon geträumt, mehr von der Welt zu erfahren – und das passiert auch in der Konfrontation mit verschiedenen Kulturen und Denkweisen. Das hat mir Paris auf jeden Fall gebracht.


Ein Teil Ihrer Arbeiten ist sehr kontemplativ. Inwiefern verbinden Sie Spiritualität oder Religion mit Design?

AL Ich glaube, dass alles miteinander verbunden ist und alle Energie, alle Intentionen, die wir aussenden und zum Beispiel in eine Arbeit stecken, auch ankommt. Oft unbewusst. Ich habe spirituelle Affinitäten – in dem Sinn, als dass ich davon überzeugt bin, dass es diese Verbindung zwischen uns allen gibt. Alleine durch unsere Existenz. Aber das wäre eine längere Geschichte …

 

© Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main
Anette Lenz: à propos
Museum für Angewandte Kunst
Frankfurt am Main
noch bis zum 3. Januar 2021

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie HIER.

 


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