form x Le Corbusier


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Heute am 6. Oktober vor 123 Jahren erblickte Charles-Édouard Jeanneret-Gris das Licht der Welt. Unter dem Namen Le Corbusier gilt er bis heute als einer der einflussreichsten Grafiker, Möbeldesigner und Architekten des 20. Jahrhunderts. Noch bis Ende November findet dieses Jahr in dem von ihm entworfenen Pavillon Le Corbusier in Zürich eine Sonderausstellung zu seinen Ehren statt. Wir nehmen dies zum Anlass auf die lange Beziehung des form Magazins und Le Corbusiers zurückzublicken.

 

Le Corbusier auf einem Balkon des Select-Hauses, im Hintergrund das Bellevue, 1938, Fotografie: Bodé, © Fondation Le Corbusier, Paris

Denn nicht nur die Stadt Zürich sondern auch das form Designmagazin führen seit jeher eine enge Verbindung zu Le Corbusier. Selbstverständlich gab es in den Chroniken unseres Magazins zahlreiche Artikel und unzählige Erwähnungen, die sich auf ihn bezogen. Aber wussten Sie auch, dass die ersten vier Ausgaben der form allesamt Zeichnungen Corbusiers auf ihrem Cover trugen? Wir sind tief ins form Archiv herabgestiegen, haben form 1 bis form 4 ausgegraben, uns ist ein Brief des Gestalters, der mit den ersten Cover-Arbeiten betraut wurde, in die Hände gefallen und wir haben ein Interview mit dem Mann, der ihn über Jahre fotografisch begleitete, gefunden.

1887, La Chaux-de-Fonds in der Schweiz. Charles-Édouard Jeanneret-Gris kommt auf die Welt. Als Sohn eines Emaillierers und einer Musikerin wächst er im Zentrum der damaligen Schweizer Uhrenindustrie auf. Seine Karriere als Architekt beginnt schon früh: Bereits mit 18 Jahren entwirft er eine erste Villa für einen seiner Lehrer an der Kunstgewerbeschule. Von der Arbeit als Architekt begeistert, macht er sich auf die Suche nach Einflüssen und Vorbildern. Anfangs stark von der Art-nouveau-Bewegung inspiriert, entwickelt Charles-Édouard auf seinen Reisen und im Austausch mit den Größen seiner Zeit schnell ein Gespür dafür, eine neue Form der Architektur zu prägen.

Le Corbusier mit Willy Boesiger in der Ausstellung «Le Corbusier – Architektur Malerei Plastik» im Kunsthaus Zürich 1957. Foto: Bodé

1927, Paris. Nach Jahren der Arbeit als Architekt in seiner Heimat beschließt er in die französische Metropole zu ziehen. Dort freundet er sich mit dem Maler Amédée Ozenfant an und widmet sich vermehrt der künstlerischen und publizistischen Arbeit. Ab 1920 schreibt er erstmals unter seinem Künstlernamen „Le Corbusier“: einem Kunstwort, das seiner Urgroßmutter (Lecorbésier) und dem Raben (franz. corbeau) gewidmet ist. Mit seinen „Fünf Punkten einer neuen Architektur“ leitet er einen Paradigmenwechsel in der Art des Bauens im 20. Jahrhundert ein. In den folgenden Jahren prägt Le Corbusier die Bauwelt wie kaum ein zweiter: mit seinen brutalistischen Betonbauten (Ronchamp), modernen Städtebaukonzepten (Weissenhof) und seinen Möbelentwürfen (LC1-7) schafft er Arbeiten, die ihrer Zeit weit voraus sind.

„Ich werde von dem unstillbaren Verlangen geplagt, etwas zu erschaffen.“

1957, Frankfurt. Über den damaligen Leiter des Amsterdamer Stedelijk Museums, Carl Sandberg, der zu den vier form-Gründern zählt, landet eine Zeichnung Le Corbusiers auf dem Tisch der form Redaktion. Der Kölner Grafiker Karl Oskar Blase, der sich bis dato vor allem als Briefmarken- und Plakatgestalter einen Namen gemacht hat, soll diese für die ersten vier Ausgaben der form abwandeln. In form 1 erklärt Le Corbusier: „Es ist die Zeichnung eines vom Meere angespülten Knochens. In jeder Weise ist diese Form unabänderlich richtig.“

      

Die ersten vier Cover der form: Zeichnungen von Le Corbusier, grafische Gestaltung von Karl Oskar Blase, 1957-1958

2007, Frankfurt. Genau 50 Jahre nach Veröffentlichung der allerersten form erreicht die Redaktion ein Brief von Karl Oskar Blase. Blase ist nach der Gründung der erste Art Director des Verlags und somit für das Layout und das grafische Erscheinungsbild des Covers der Ausgaben bis 1968 zuständig. Anlässlich des 50 jährigen Jubiläums der form, damals mit Sitz in der Schweiz, schreibt Blase einen Brief an den damaligen Chef-Redakteur, in dem er – nicht ohne Stolz – auf sein Werk hinweist.

Auch heute, lange nach dem Tod des großen Universalgestalters Le Corbusier, wird weiterhin viel über ihn geredet. Nach wie vor steht sein Name für den Zeitgeist der Moderne. Wer aber war der Mann mit dem Hut, der noch heute 100 Jahre nachdem er sich Le Corbusier nannte, die Augen junger Architekt*innen und Designer*innen funkeln lässt? Einer, der ihm zu Lebzeiten sehr nahe gekommen ist, war der Schweizer Fotograf René Burri. Leider ist auch er im Jahr 2014 im Alter von 81 Jahren gestorben. Im Jahr 2010 haben wir das Glück mit dem zu sprechen, der Le Corbusier in einem Zeitraum von zehn Jahren immer wieder begleitete und für die Ewigkeit festhielt. In form 235 erzählt er uns von seinen Erinnerungen an den großen Meister: 

 „Ich muss diesen Menschen kennenlernen.“

 „Ich habe ihn bei der Einweihung von von Ronchamp aus der Ferne gesehen und wusste: Ich muss diesen Menschen kennenlernen.“ Das war 1955. In den folgenden Jahren soll Burri Corbusier für zahlreiche Magazine, in dessen Atelier, bei Besprechungen und auf Baustellen fotografieren. Er wurde so zum Chronisten der letzten Dekade im Leben des großen Architekten. Ihm schenkt er sein Vertrauen, ihm gewährt er intime Einblicke in seine Arbeitsprozesse und Privatsphäre.

oben: Der Fotograf und Vertraute Le Corbusiers René Burri im Gespräch, Originaltext von Gerrit Terstiege, nachzulesen in form 235, unten: Willy Boesiger, Adolf Wasserfallen, Le Corbusier, Pierre Zbinden und Heidi Weber bei der Besichtigung der künftigen Baustelle des heutigen Pavillon Le Corbusier, Foto: René Burri

Einmal steht die Tür zu Corbusiers Atelier offen und Burri kann unbemerkt eintreten. „Wie aus dem Hinterhalt habe ich mich ihm genähert, mich hinter Skulpturen und Schränken versteckt und Bilder gemacht. Er malte einfach weiter. Erst nach knapp einer Stunde blickte er mich an und sagte: ’Ah, da bist du ja!‘“

Nur ein einziges Mal ist Corbusier erbost über ein Burri-Foto und schreibt ihm umgehend einen Brief: Die Schweizer Kulturzeitschrift „du“ hatte eine Foto abgedruckt, das den Eindruck erweckte, Corbusier würde das Heiligenbild eines naiven Malers anbeten. „Dabei wollte er in diesem Moment lediglich die schwarze Designerlampe in seinem Zimmer zurechtrücken, um für mich besseres Licht zu schaffen.“ Corbusier’s Antwort darauf an Burri: „Mon cher Burri, das hättest du dir verkneifen sollen!“

Noch bis Ende November zeigt das Museum für Gestaltung Zürich im Pavillon Le Corbusier seine Beziehung zur Stadt Zürich. Mit Kunstwerken, Möbeln, Modellen, Fotografien und historischen Dokumenten, wird gezeigt, welchen Stellenwert Zürich in Corbusier's Œvre hatte.

Wir sagen Merci, Corbusier! Und Bon anniversaire.

 

Le Corbusier und Zürich

8.Mai—29.November 2020

Pavillon Le Corbusier

pavillon-le-corbusier.ch


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