Zum Tod von Rosmarie Baltensweiler (1927–2020)


 

 

Foto: © Baltensweiler

Die Produktdesignerin und Unternehmerin Rosmarie Baltensweiler verstarb am 10. April dieses Jahres im Alter von 92 Jahren. Noch wenige Wochen zuvor hatte  Jörg Stürzebecher in form 287 über ihre ikonische Leuchte 600 geschrieben.

Was verbindet Nelly Rudins Wortmarke für Schwabenbräu, den Wohnbedarf-Beistelltisch von Ida Alis Lohse, das Signet der Schweizer Landesausstellung 1939 von Warja Lavater, die Fotografien von Binia Bill und viele Bilder von Verena Loewensberg? Was haben sie gemeinsam mit den Texten Annemarie Schwarzenbachs, den Kragstühlen Flora Crawford-Steigers und der frühen Grafik Rosmarie Tissis? All dies sind Leistungen, Produkte, Artefakte, die zum Bild des 20. Jahrhunderts beitrugen; alle gestaltet von Schweizerinnen, alle vor 1971 und damit in einer Zeit, in der Frauen in der Schweiz das nationale Wahlrecht vorenthalten wurde (für das kommunale wurde die Gleichberechtigung in Appenzell-Innerrhoden erst 1990 erreicht). Unbedingt in diese eindrückliche, dennoch hier nur angedeutete Gruppe gehört auch die 1951 entworfene Leuchte 600 von Rico und Rosmarie Baltensweiler, wobei die Form, ähnlich den etwa zeitgleichen Entwürfen von Charles und Ray Eames, wohl auf den weiblichen Teil des Teams zurückzuführen ist. Exemplarisch lässt sich an ihr erläutern, was einen Klassiker ausmacht: Die Zeitgebundenheit ebenso wie die über die Entstehungszeit hinausgehende Wirkung, die Stilgebundenheit wie das über das Modische hinausgehende, die Kombination von Tradition und Zukunft. Vielleicht kommt noch ein Weiteres hinzu: die Verbindung eines Entwurfs mit der Autorenschaft, denn so, wie der Name Marcel Breuer an die Verbindung von Stahlrohr und Wiener Geflechtsitz denken lässt oder die Nennung von Mary Quant und Alec Issigonis jeweils Mini assoziieren lassen, so gibt es eben den Zusammenhang Baltensweiler und Stehleuchte.

            Die Baltensweiler ist ein Produkt der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Licht statt Verdunkelung und Strombegrenzung, Betonung der Einzelteile statt Unterordnung zugunsten von Kompaktheit, freies Spiel statt Disziplin, Gegensatz statt Uniformität. Das ist keine Schreibtischleuchte, obwohl manches der Oberflächen auf die Vorläufer von BAG Turgi oder auch Kaiser verweist, kein reiner Nutzgegenstand, sondern eine Leuchte mit Mehrwert. Sie sieht auch gut aus, wenn sie nicht leuchtet, ihre Konstruktion referiert die von Kandinsky gelehrten Zusammenhänge zwischen Punkt, Linie und Fläche, dies aber nicht statisch, sondern verhalten variabel. An Alexander Calders Mobiles lässt sich da denken, erst recht an die zeitgleiche Subjektive Fotografie mit ihren Kontrasten, ihrer Abstraktion und ihrem Aufbegehren. Denn die Baltensweiler verweigert sich der schematischen Ordnung. Nicht im exakten rechten Winkel, sondern im freien Gleichgewicht mit changierendem Schattenwurf von Stangen und Reflektor, zeigt sie Figur und Grazilität in existenzialistischem Schwarz und nimmt den linearen Audrey-Hepburn-Typus, der das Frauenbild der Kino- und Modewelt nach 1950 gründlich verändert wird, vorweg.

Foto: © Baltensweiler

            Darüber hinaus reflektiert die Baltensweiler – ein Einzelobjekt, kein Systembestandteil und darin durchaus konventionell – sicherlich auch Mode, vor allem am Reflektor, der an zeitgenössische Damenhutmodelle erinnert. Dies fällt auch dem Regisseur Jacques Tati auf, der der Leuchte in dem Film „Mon Oncle“ 1958 eine Statistenrolle zubilligt. Im Film hat sich das Ehepaar Arpel in einer mehr modernistischen als modernen Villa eingerichtet, in der Design vom Sofa bis zum Springbrunnen das Leben erdrosselt. Tati als Monsieur Hulot ist den widersprüchlichen Alltag gewohnt und erweist sich damit als wesentlich unkonventioneller als die Arpels, die Disziplin, Hygiene und Ordnung – verhängnisvolle Sekundärtugenden – zum auch für das Design relevanten Maß aller Dinge gemacht haben. Entsprechend kann Hulot mit der Baltensweiler nichts anfangen und nutzt sie, ihrer eigentlichen Funktion beraubt, nachtruhengerecht in einen Kleiderständer um, die geometrische Präzision löst sich im Amorphen auf, aus Demonstrativem wird Gebrauchsgerät.

            Die Baltensweiler überlebt diese sympathische Kritik, sie wird zum Schweizer Designklassiker, zum hochgehandelten Vintage-Designprodukt, zum Akzent minimalistischer Einrichtungen, mittlerweile ist sie auch als signierte und limitierte Edition zu erwerben. Und bleibt, mit kleinen Veränderungen, was nur wenigen Entwürfen gelingt: Gebrauchsgerät, das nicht veraltet.

Autor: Jörg Stürzebecher


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