Vom Spritzgießen zum Flüssigholz

 

Bezahlte Partnerschaft mit Material-Archiv

Die Welt besteht aus Materialien. Sie umgeben uns überall – wir arbeiten, wohnen und leben mit ihnen. Und: Wir sind für sie verantwortlich. Das Verständnis von Werkstoffen wie auch das Wissen um Herstellungs- und Verarbeitungstechniken schwindet. Knappe Ressourcen erfordern neue und neu gedachte Materialien und Technologien. Für das heutige Objekt- und Industriedesign, die Architektur und auch die Gestaltung urbaner Räume sind Ressourcenbewusstsein und soziales Verantwortungsgefühl unentbehrlich. Beides entsteht und wächst durch Bildung, Wissensvermittlung, Sensibilisierung und Partizipation. Dieser „Materialbildung“ widmet sich das Schweizer Netzwerk Material-Archiv. Dessen Arbeit trägt zu gesellschaftlichen Debatten bei und schafft Bewusstsein, sich für Umwelt und Umgebung zu schulen – unabhängig und niederschwellig.


Das Netzwerk besteht zurzeit aus neun Mitgliedern: Dem Gewerbemuseum Winterthur, der Hochschule Luzern – Technik & Architektur, dem Sitterwerk St. Gallen, der Zürcher Hochschule der Künste, der Hochschule Luzern – Design & Kunst, der ETH Zürich, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Winterthur, der Hochschule der Künste Bern und der Schweizer Baumuster-Centrale Zürich. Die umfangreichen und kostenfreien Inhalte des Netzwerks erschließen sich über zwei Zugänge: Der physischen Mustersammlungen der Mitglieder und dem kürzlich, in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Büro Astrom/Zimmer & Tereszkiewicz, neugestalteten und neu konzeptionierten Wissensportal materialarchiv.ch. 


Dank semantischer Datenarchitektur sind sämtliche Inhalte miteinander verbunden und lassen sich finden, filtern, und damit leichter verstehen. In dieser „Verknüpfungsmaschine“ befinden sich 1.300 Materialien, 180 Herstellungs- und Verarbeitungsverfahren, 162 Materialgruppen, 920 Anwendungsbeispiele, natürlich die 9 Mustersammlungen der Material-Archiv-Mitglieder sowie 160 Events.
Fachleute aus Architektur, Design, Kunst und Handwerk, aber ebenso die breite Öffentlichkeit dürfen seit dem Relaunch nicht mehr nur auf die faktische Tiefe des Wissensschatzes, sondern auch auf Inspiration, Provokation und im besten Sinne „Unschärfe“ der Plattform zählen. So stößt man zum Beispiel bei der Suche nach einem pflanzlichen Thermoplast im Verfahren Spritzgießen auf das seltsam anmutende Flüssigholz, das wiederum zur Gruppe Biokunststoffe führt. Und auch von den Anwendungsbeispielen kann man im besten Sinne irritiert werden. Zum Beispiel indem man von einer Herzog & de Meuron Leuchte über das Material Silikonkautschuk zur Materialgruppe der Elastomere gelangt, die einen dann zum Kondom bringen.


Um dieses inhaltliche Mäandern zu ermöglichen, setzten die Entwickler und das Material-Archiv-Netzwerk bewusst auf die digitale Verknüpfung von Materialien und deren Kontexten aus der Praxis, beziehungsweise der physischen Welt. Die Graph-basierte Datenarchitektur erfasst die „Verwandtschaft der Dinge“ und ist weiterer Schritt beim Versuch, Wissen und die Welt zu ordnen.
„Für uns als Entwickelnde der Datenbank war eine zentrale Überlegung, dass wir zwar Materialien in der physischen Welt erfahren und erleben, aber eben separiert von vielen Kontexten. Hier liegt das große Potential des Digitalen, diese Kontexte unmittelbar und gleichzeitig erlebbar zu machen“, sagt Anthon Astrom.

Dabei bilden analog und digital keine Gegensätze, sondern ein Kontinuum. Das lässt sich beispielsweise im Sitterwerk St. Gallen gut erleben und benutzen. Die Ordnung der dort vorhandenen Medien sind dynamisch. Die Nutzenden stellen sich mithilfe der sogenannten Werkbank die Inhalte individuell und jedes Mal neu auf einem interaktiven Tisch zusammen. Material-Archiv und Astrom/Zimmer & Tereszkiewicz versprechen sich von materialarchiv.ch, die Verantwortung der Menschen für ihre Umwelt direkter aktivieren zu können und unterstreichen die Verbindung zwischen Materialwissen und Materialfürsorge.

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Bildnachweise:
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  • Bild 06 © Katalin Deér, Stiftung Sitterwerk
  • Bild 06 © Foto: Markus Käch